Freitag, 22. Februar 2013

Warum das Sitzenbleiben sitzenbleiben sollte...


Aktuell ist ja in der Bildungspolitik das Thema Sitzenbleiben in der Diskussion und es haben sich schnell die erwarteten Lager gebildet. Hier rot-grün, dort bis dato die konservativen Vertreter der CSU/CDU. Aber darum geht es mir, und ich denke auch den Piraten, nicht. Wir sprechen uns nicht umsonst oft für den Vorrang von Sach- und Themen- vor Parteipolitik aus. Wie gut das funktioniert, wenn es um eine gute Forderung geht, haben die Studiengebühren gezeigt. Ich bin der Meinung das reflexhafte Herbeißen zu einer anderen Partei gehört nicht mehr in eine Demokratie 2.0! Wenn Vertreter anderer Parteien gute Ideen haben, darf man dies auch sagen und diese unterstützen. 

Wie es nicht geht, zeigte leider die grüne Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag Frau Bause. Die FDP wollte für ein Ja zum Fallen der Studiengebühren im Gegenzug Geld für frühkindliche Bildung, z.B. den kostenlosen Kindergartenbesuch, haben. Dies bezeichnete sie als "unwürdigen Kuhhandel". Freie Bildung, die Finanzierung des Meistertitels und die Gegenfinanzierung über den Staatshaushalt, durch den Wegfall der Studiengebühren, ist aber alles andere als das! Es sind gute und wichtige bildungspolitische Positionen, was übrigens inhaltlich auch die Grünen so sehen! Daher ist dieser "Handel" aufgrund des guten Inhalts politisch legitim und wünschenswert. Demokratie 2.0!

Aber nun zum eigentlichen Thema dem Sitzenbleiben. Das Argument "es hat noch keinem geschadet, dass er eine "Ehrenrunde" drehen musste" ist so schlecht und windig, dass ich nicht einmal darauf eingehe! Sitzenbleiben mag in dem aktuellen, aber veralteten Schulsystem Sinn machen. Aber pädagogisch und sozial sinnvoll ist es nicht! Daher muss es in einer progressiven und zeitgemäßen Schulpolitik darum gehen, das gesamte verkrustete System kräftig zu reformieren. Auch wenn das vielen Angst macht, unsere wichtigste Ressource Bildung und unsere Kinder sollten uns die Bemühungen wert sein, oder?!

Vieles Gutes und Richtiges hat bereits Dominik Kegel, Teil des Bezirksvorstandes Mittelfrankens und Landtagskandidat in Roth,  auf der Homepage der bayerischen Piraten hierzu geschrieben:


Für mich die wichtigsten Argumente, die gegen das Sitzenbleiben sprechen ist einmal der Leistungsdruck, der beim Wiederholen entsteht. Wenn man eine Klasse ein zweites Mal macht erwarten die Eltern, die Lehrer und nicht zuletzt man selbst, dass man deutliche bessere Noten schreibt. Ist dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht der Fall, ist es eine Mär, dies sei ein Motivationschub zum mehr anstrengen. Dies mag bei manchen Schüler so sein. Aber Schulpolitik sollte ganzheitlich gesehen werden und auf Inklusion statt auf überholte Anreizsysteme (hier: persönliches Scheitern als Anreiz mehr zu lernen). Denn nur so können alle Schüler mitgenommen werden. Auch die, die durch keine Leistungssteigerung beim Wiederholen psychisch darunter leiden und weiter abfallen. Denn diese Persönlichkeitstypen gibt es auch. Daher ist das Sitzenbleiben pädagogisch-psychisch nicht zielführend, denn es kann sehr wohl der schulischen Leistung schaden. 

Das zweite Hauptargument ist der soziale Aspekt. Man wird aus seiner Klassengemeinschaft gerissen und muss sich auf neue Schüler, andere Lehrer und Ähnliches einstellen. Auch das macht vielen vielleicht nichts aus, anderen schon! Die Zugehörigkeit zu einem Klassenverbund, die mit all den Jahren wächst, erzeugt ein Kohärenzgefühl, das eine Säule für gutes und freies lernen im Unterricht, aber auch allgemein, sein kann. Dies unterschätzen viele. Aber der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, genau wie daher der Schüler. Deshalb ist diese Seite neben dem Lernen, einem stabilen Umfeld zuhause, soziale Integration in einer Peer-Group, eine wichtige Basis für schulischen Erfolg. Also, muss das Sitzenbleiben weichen, um dieses Herausreißen zu verhindern und keine sozialen Hürden für gute Noten schaffen!

Flankierend zum Abschaffen des Sitzenbleibens müssen weitere Reformen folgen bzw. im besten Fall parallel laufen:

- eine längere gemeinsame Schulzeit von 9 Jahren, weil eine Selektion nach 4 Jahren zu früh ist. Hier kann man oft noch nicht, auch die Schüler bzw. Kinder selbst nicht, sagen, in welchen Bereichen die Begabungen und Stärken liegen. So können wertvolle Ressourcen verloren gehen bzw. sich gar nicht erst ausprägen, was wir uns einfach nicht leisten können. Außerdem können bei einem längerem gemeinsamen Lernen auch die stärkeren von den schwächeren Schülern lernen, z.B. durch die...

-...Einführung eines "Tutoren- bzw. Patensystems". Es ist erwiesen, dass hiervon nicht nur die Schüler mit weniger guten schulischen Leistungen profitieren, sondern beide Seiten, also eine Win-Win-Situation

- weg von den Lehrplänen, hin zu Lernzielen. Die Ziele müssen natürlich definiert und allgemeingültig sein. Aber wie diese nach jedem Schuljahr erreicht werden, sollte jede Schule, am besten in Kooperation mit den Schülern und Eltern, eigenverantwortlich entscheiden dürfen. 

- das gibt Raum, vom Frontalunterricht ein Stück wegzukommen und durch die Einführung eines Kurssystems, das es bereits in anderen Ländern, die bei PISA und Co. bildungspolitische Spitze sind, gibt.

- In einem Kurssystem wäre Platz für mehr individuelle Förderung, was das Sitzenbleiben endgültig überflüssig machen würde. Außerdem könnten die Schüler, neben den Hauptfächern, die Kurse besuchen, die sie interessieren und die ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten entsprechen. Dieses "Stärken stärken" und "Schwächen schwächen" wäre eine weitere Grundlage für eine hohe Motivation der Schüler und gute Leistungen.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass all diese Forderungen, bis auf die Abschaffung des Sitzenbleibens, aus guten bzw. oben beschriebenen Gründen bildungspolitische Piratenforderungen für den Landtagswahlkampf sind! Das mit dem Sitzenbleiben wird meines Erachtens beim nächsten Landesparteitag beschlossen, da dies einfach nicht mehr in ein modernes und flexibles Schulsystem passt, das auf die individuellen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen eingehen muss.

Daher muss das Sitzenbleiben sitzenbleiben....Klarmachen zum Ändern!

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